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Der Kampf der Realitäten: Auf zum letzten Gefecht!

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Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt. — Williams Gibbson

Folgt man der reinen Wahlarithmetik, scheint es fast ironisch, dass erst die guten Ergebnisse der AfD stabile linke Mehrheiten hervorbringen werden. Wo es vorher an politischem Willen oder an Stimmenanteil fehlte, diese Mehrheiten zu bilden, da schälen erst AfD, ihre WählerInnen und die tausenden Dresdener Pegidisten diesen Kern unserer Gesellschaft frei. Dieser Kern ist nicht nationalistisch oder rechtspopulistisch — er ist um Grunde nicht einmal konservativ.
Was sich zunächst einmal liest als wäre es linke Utopie, ist im Grunde schon längst Realität. Die größte Herausforderung unserer Zeit ist allerdings, dass wir und alle Untergruppen von wir, die wir wiederum bilden, zugehörig zu unterschiedlichen Realitäten sind. Carolin Emcke beschreibt Zugehörigkeit und Angehörigkeit zu einer Religion, Nation oder Sexualität als prägend, aber kontextual. Zugehörigkeit ist immer unterschiedlich relevant, je nach Betrachter und Betrachtungsgrund und -winkel.

Ich möchte diese Analyse noch um zwei Ebenen erweitern: Zugehörigkeit ist auch eine Frage der individuellen Realität und der Zeit. Emcke beschreibt sehr genau die Wechselwirkung von zu- und angehörig sein und dazu gemacht zu werden. Und hinterfragt richtigerweise, für wen diese Zuschreibungen überhaupt wichtig sind: Für die so Verorteten, oder nur für die Verortenden? Zur Beantwortung dieser Frage hilft die Erkenntnis, dass Zeit Fakten schafft und dass es keine postfaktischen Zeiten gibt.

Es gibt keine postfaktischen Zeiten, denn die Zeit schafft Fakten.

Wenn man das auf AfD und die anderen umlegt, kommt man leicht zu der Schlussfolgerung, dass deren Erscheinen und deren Erfolg ein Ergebnis unterschiedlicher Realitäten ist, dass aber die Zeit diese Realitäten verändert und damit auch ihr Verschwinden besiegelt.

In meiner Realität sind wir auf dem guten Weg, die linksliberale Mehrheitsgesellschaft zu verwirklichen: Die Gleichstellung der Geschlechter und Sexualitäten, die sich gegenseitig bereichernde Mehrkulturen-Gesellschaft und die Überwindung nationalstaatlicher Denk- und Handlungsweisen. Wenn ich diese Realität beschreibe, dann ist diese im zeitlichen Kontext keine Ist-Beschreibung, sondern die Beschreibung einer beobachteten Tendenz und ich weiß sehr wohl, dass es dafür noch sehr viel Kraft und Zeit braucht, diese umzusetzen. Andere haben einen anderen Blickwinkel auf die Gesellschaft und bilden so ihre eigenen Realitäten.

In meiner Realität ist das Erstarken der rechtspopulistischen Bewegungen in ganz Europa einer der wichtigsten Belege dieser Tendenz. Es ist das Aufbäumen einer anderen Realität, einer revanchistischen Realität, die im besten unterstellten Sinn besitzstandswahrend wirken möchte, im schlechtesten aber zerstörerisch auf die Ist-Zeit und die Zukunft einwirkt. Diese Realität hat es noch nicht geschafft, anzuerkennen, dass wir in einer Zeitenwende leben. Diese Realität hat dies zwar erkannt, aber die Konsequenzen daraus noch nicht realisiert. Sie hat es noch nicht geschafft, aus diesem Umstand schöpferisch tätig zu werden, sich diesem zu eigen zu machen. Es ist das letzte Aufbäumen gegen das Faktische.

Die Zukunft ist schon da!

In meiner Realität ist diese Zukunft schon da. Es ist die Realität von vielen, die deshalb nicht nachvollziehen können, wie man sich AfD und Pegida zuwenden kann. Es entspricht schlicht nicht der erlebten Ist-Zeit und der vorstellbaren Zukunft.

Wenn es also darum geht, Realitäten zu gestalten, muss man Realitäten annehmen. Man muss sie verstärken und laut auf ihre Existenz hinweisen. Die konservativen Reaktionen auf Emckes Rede machen genau das Gegenteil. Zu gefällig, zu erwartbar, linke Lagerfeuerromantik – all das ist zu lesen. Die so Kritisierenden merken dabei gar nicht, dass sie sich der Realität verweigern, indem sie nur auf die Art und Weise des Vortrages, nicht aber auf dessen wichtige Fragen an unsere Gesellschaft verweisen. Sie verweigern sich der Realität, weil sie unbequem ist und die Veränderung dieser Realität an konservativen Grundpfeilern rüttelt. Und doch wird es so eindrücklich wie selten, wie weit unsere politische Realität der gesellschaftlichen hinterherhinkt, wenn Emcke sagt, dass sie als Homosexuelle zwar Reden in der Paulskirche halten, aber nicht heiraten darf.

Wir leben in einer Zeit, in der unterschiedliche Realitäten existenziell bedroht sind und sich deshalb wehren. Ihnen fehlt allein die Einsicht, dass man sich gegen die Zeit und ihre Entwicklung nicht wehren kann. Man kann sie annehmen und gestalten, man kann sie aber nicht aufhalten. Daraus folgt auch, dass jede Argumentationsübernahme, jedes Anbiedern an AfD und Konsorten nur die Simulation von Stabilität erzeugt, ein Moment der Verortung verspricht, aber zum Scheitern verurteilt ist, weil es die Veränderung über die Zeit nicht aufhalten kann.

Es ist Zeit sich zu entscheiden, liebe Konservative: Wollt ihr Teil der zukünftigen Realität sein und diese in eurem Sinne mitgestalten, oder eure Bedeutung in der Zukunft verlieren?

Hier die Rede von Emcke anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche:

Alle Beiträge auf Soundcloud hören: https://soundcloud.com/zielgruppenfernesverhalten

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Published in Politik

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